*4.2 Ground Control

        “Dieser Garten ist ein wenig mein Körper oder die Verlängerung
        meines eigenen Körpers.”
        Michel Serres, Der Parasit
        Bild © Susanne Soldan

 

27-06-2019 // 10:00 – 12:00 // Dieser Beitrag ist die Fortsetzung des Posts Theater of Good Life

 

    “Seit 2001 wurden in Berlin mehr als 6.000 Grundstücke (über 14 Millionen Quadratmeter) aus dem öffentlichen Besitz verkauft”. Make City (2019)
    “In den Jahren nach der Vereinigung wuchs die Stadt allmählich immer weiter zusammen […] Die eindeutig wichtigsten Aufgaben der Regierung waren die Wiederherstellung der Verkehrsverbindungen und die Beschaffung neuer Einnahmen, indem sie die Mauergrundstücke für eine kommerzielle Nutzung verkaufte. Die geeinte Stadt beschlagnahmte nicht nur das ihrer Kontrolle unterstehende Grenzland: Selbst die früheren Eigentümer der 750 Grundstücke, die von der kommunistischen Regierung für den Bau der Berliner Mauer konfisziert worden waren, hatten nur geringe rechtliche Ansprüche auf die Rückgabe ihres Besitzes. […] Der erste Berliner Flächennutzungsplan nach der Wiedervereinigung aus dem Jahr 1994 ignorierte schlichtweg die tödliche Demarkationslinie.” Bach, J. (2019), 164-165.
    “Ich werde sagen, wir werden zu sagen haben, was propre (eigen, aber auch sauber) bedeutet, wenn wir ein Stück Land, einen Garten, eine Nische besitzen. […] Der Gärtner besitzt einen eigenen Garten und die Einfriedung. Er war wohl nicht der erste, der diesen Raum einzäunte, denke ich, und sagte: Das ist mein. Es gehört mir, weil es abgeschlossen ist. Es gehört mir nicht mehr oder nur in geringerem Maße, wenn ein Loch in der Hecke ist, oder kein Loch, sondern eine Wunde.” Serres, M. (1987/2016), 125.

 

WUNDE(R) GARTEN

© SusaSo

Der Todesstreifen entlang der Bernauer Straße wurde nicht, wie viele andere Mauergrundstücke, im Morgengrauen der 90er Jahre, von der Stadtregierung verfrühstückt. Seit den 90er Jahren gab es hier bereits vereinzelte Gedenkinitiativen. 2006 verabschiedete der Berliner Senat ein Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer (Download des Gesamtkonzepts) und zwischen 2009 und 2014 wurde die Gedenkstätte Berliner Mauer errichtet.
Es ist somit möglich, auf Gras zu laufen, das über der Geschichte wächst. Die Einfriedung ist löchrig, das Areal trotzdem von strahlender Sauberkeit. Eine gereinigte Wunde.
Die Gedenkstätte gehört zur Stiftung Berliner Mauer.
FAQ
Wem gehört der Boden, auf dem wir stehen?

    A. der Stiftung
    B. der Stadt
    C. dem Staat
    D. der Allgemeinheit

Wem gehört Geschichte?

    A. dem Sieger
    B. den Touristen
    C. dem Stiftungsrat
    D. allen

 

WOHNKULTUR / VERSUCHSGARTEN

© SusaSo

Gleich neben der Gedenkstätte stehen wir auf dem Boden, den eineR gemeinnützige Eigentümer*in einer Gruppe Architekt*innen in Erbbaurecht vergeben hat. 2008, kurz bevor man mit der Errichtung der Gedenkstätte begann, entstanden hier 16 Townhouses, entworfen von Kai Hansen Architekten, XTH-Berlin, Ludloff + Ludloff Architekten, Wolfgang Thiessen, Anne Lampen Architekten, ebers architekten, SDU Architekten, Monica Wurfbaum, schöningmosca.
Hier wird das Wohnen ein ästhetisches Projekt, ein architektonisches Manifest, eine Visitenkarte. Das postmoderne neoliberale Werte-Bündel (Privatisierung – Eigenverantwortung – Individualisierung) trifft auf ein visionäres Potential und soziale Verantwortung in Bezug auf das Grundbedürfnis Wohnen, gerade wegen der vorbildlichen Lösung der Bodenfrage. Und die Ästhetik? Die Materialisierung des Traumes vom hochindividuellen Leben in der Metropole, zurückgezogen in den Garten des eigenen verfeinerten Geschmacks, der schönen Form, des edlen Materials und trotzdem mittendrin?
In diesem Zusammenhang möchte ich den aktuellen Aufruf der Ludloff Ludloff Architekten (Haus 5d) zur neuen Ästhetik des Sozialen (anlässlich des Make City Festivals 2018) zitieren:

    “Ökonomie ist keine Lebensform. In der aktuellen Raumproduktion kann man den Eindruck gewinnen, dass aufgrund rein wirtschaftlicher Zielsetzungen eine Art geschmückter Banalfunktionalismus entsteht. Es ist falsch, zu glauben, dass effiziente, ökonomisch optimierte Bautechnik und präzise Nutzungserfüllung ausreichen. […] Die Diskussion um gesellschaftliche Teilhabe kann jedoch nur dann glaubwürdig sein, wenn Gestaltungsfragen nicht ausgeschlossen werden. Eine Ästhetik des Wesentlichen ist die Voraussetzung für gemeinschaftliches Handeln, das individuelle Bedürfnisse respektiert.” Make City (2019), 124-126.

Dieses Zitat ruft in mir gemischte Gefühle hervor. Ästhetik ist ein schillernder Begriff, der leicht eine Liaison mit Machtdispositiven eingeht. Ich würde gerne die Frage nach einer Ästhetik des Sozialen durch die Frage nach der Realität und Materialität des Sozialen ersetzen.
Das Häuserensemble hinterlässt ebenfalls gemischte Gefühle. Das individuelle Townhouse ist für die meisten unerreichbar. Die Formensprache der zeitgenössischen Architektur längst vom Kommerz angeeignet. Ich mag aber, wie sich diese kleine Siedlung zwischen der Gedenkstätte und der gentrifizierten Umgebung parasitär eingenistet hat.

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AUFSTOCKUNG / HÄNGENDER GARTEN

© SusaSo

Nachverdichtung in Eigenverantwortung. Wie sich solche Aufstockungen auf die Bestandsmieten auswirken, kann von Fall zu Fall, je nach Haltung der Eigentümer, variieren. Das Brunnenviertel, das durch die “Kahlschlagsanierung” der 60er-70er Jahre geprägt ist, blieb lange von Gentrifizierung verschont. Die Neubauprojekte an den Rändern des Viertels, wie am Lichtburgring oder an der Jüllicher Str. werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Preise im Brunnenviertel in die Höhe schießen lassen.

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VERSUCHS/FELD // OFFENE BILDUNGSLANDSCHAFT

Das ehem. Diesterweg-Gymnasium Pysall-Jensen-Stahrenberg (1974-77) © SusaSo

Das einstige Oberstufenzentrum in der Puttbusserstraße verdankt seine markante Form der reformpädagogischen Aufbruchstimmung der 70er Jahre. Bereits in der Ausschreibung des Wettbewerbs 1970 wurde eine Verknüpfung von schulpolitischen und städtebaulichen Absichten formuliert. Die Schule sollte zugleich ein Gemeinschaftszentrum werden, ein integraler Teil einer Community-Landschaft. Der erfolgreiche Entwurf stammt von Hans-Joachim Pysall, der bei der Durchführung von Uwe Jensen und Peter Stahrenberg flankiert wurde. Die originelle Struktur mit einem variablen Grundriß (verschiebbare Wände), der das fächerübergreifende Lernen unterstützen soll, ist laut Experten erstaunlich gut erhalten.

Der Bau strahlt. Er überwältigt. Er beflügelt die Phantasie. Ein Raumschiff, zwischen Utopie und Dystopie. Träume glühen in Orange.

Eine zivilgesellschaftliche Initiative, ps wedding, bemüht sich seit 2011 um den Erhalt und eine neue Nutzung des Objektes. Von Anfang an wurde dabei nicht etwa an Privatisierung gedacht, sondern an das Erbbaurecht, eine kooperative Nutzung nach Syndikatmodell und eine Mischung aus soziokulturellem Nachbarschaftszentrum und kostengünstigem Wohnraum. Das Projekt erhielt zunächst politische Unterstützung, der Übertragung in Erbpacht wurde zugestimmt. Die Initiatoren des Projektes, Sabine Horlizt und Oliver Clemens berichten jedoch, dass im Oktober 2018 alle früheren Vereinbarungen ohne Rücksprache seitens der Kommunalpolitik fallengelassen wurden: Denn die Kommunalpolitik hat wieder mal den üblichen Schweinerhythmus verpasst. Als die Schülerzahlen zurückgingen wurden einige Schulgebäude verkauft bzw. abgerissen. Nun wacht man auf und stellt fest: die Demographie bewegt sich hin und her, jetzt braucht man doch mehr Schulplätze. Man braucht das OSZ Wedding als Schulstandort. Die üblicherweise unimaginative Lösung heißt Kahlschlag + Neubau. Der Orangenhain soll abgeholzt werden. Eine neue Schule soll – irgendwann, wenn die überlasteten Baukapazitäten es zulassen – entstehen. Die viele Arbeit, die in die Entwicklung der alternativen Pläne gesteckt wurde, erfährt keinerlei Wertschätzung. Sind ja nur irgendwelche Bürger und nicht Ressorts, Ausschüsse oder Abteilungen. Das Jüngstvergangene, die pädagogische Vision der 70er, die hier zu ihrer architektonischen Form gefunden hat, wird schon wieder (denkt man nur an die Mauer) nicht als Geschichte wahrgenommen, die nicht ohne weiteres ausradiert und mit neuen Formen und Inhalten überschrieben werden kann.

Als Antwort auf diese Arroganz der Machthaber entwickelte ps Wedding eine neue Planung, die den Erhalt des Schulstandorts im Kontext der Gesamtnutzung berücksichtigt. Bei einer öffentlichen Diskussion am 12. August, veranstaltet durch Habitat Unit, werden diese Pläne vorgestellt und umfassend architekturhistorisch, städtebaulich, bildungspolitisch, kommunalpolitisch und zivilgesellschaftlich/ demokratiebezogen kontextualisiert. ps wedding agiert vorbildlich und die breite Aufstellung der pro-Koalition, die die universitäre Wissenschaft und die Kulturinstitutionen ebenso wie die lokalen Initiativen umfasst, ist beeindruckend.
Die Politik lässt jedoch ps wedding weiterhin zappeln. In der vorletzten Wortmeldung der Diskussionsrunde deklariert ein Vertreter von Bündnis 90 Die Grünen, dass er das Campus-Projekt unterstützen wird, aber … es wäre am Ende doch egal, ob man das ps wedding Projekt (das fertig ist) realisiert, oder ob die BVV ihr eigenes Campus-Projekt (von dem es noch gar nichts außer dieser ersten Erwähnung gibt) entwickelt und umsetzt.
Ach wirklich, wäre das egal?

Mehr:
Website von ps wedding
https://pswedding.de/

Doris Kleilein über das “OSZ Wedding” in Bauwelt
https://www.bauwelt.de/rubriken/betrifft/Wohnen-im-Versuchsobjekt-Oberstufenzentrum-Wedding-Pysall-Jensen-Stahrenberg-Modellprojekt-2330926.html

Habitat Unit, Programm der Diskussion am 12. Aug. 2019
http://habitat-unit.de/en/events/diskussion-diesterweg/

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GRÜN / PRÄGUNG

@ Susanne Soldan

Auf unserem Weg treffen wir einen interessierten Menschen aus der Nachbarschaft, der gerne seine Meinung über das Brunnenviertel mit uns teilt. Wir sind neugierig. Der Nachbar hakt sich jedoch bei einem einzigen Thema fest: der Müll, die Vermüllung, die Verdreckung. Wir schauen uns um und sehen recht saubere, ordentliche Straßenzüge, gepflegte Spielplätze, begrünte Innenhöfe. Ist der Dreck im Auge des Betrachters? Der Parasit im Garten. Das Eigene ist sauber, das “Niemandsland” der Sozialsiedlung erscheint verdreckt. Der Nachbar benutzt Expertensprache, sterile Begriffe aus amtlichen Bebauungsplänen, die sonst kaum Einzug in die alltägliche Gespräche finden. Zum Beispiel Grünprägung.
Das ehemalige OSZ Wedding will uns der Herr gerne als lokale Kuriosität vorführen. Die Umbau- bzw. Abrißpläne des Objektes sind ihm nicht bekannt. Er findet den Bau nur skurril und irgendwie störend. Über die andere Schulen im Brunnenviertel äußert er sich ebenfalls despektierlich (Dreck!).

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CITY CONTROL

© SusaSo

 

MEHR LESEN

Brigitta Gerber, Ulrich Kreise (hg.): Boden behalten – Stadt gestalten. Zürich: rüffer & rub, 2019

Francesca Ferguson, Make_Shift (hg.): Make City. A Compendium of Urban Alternatives. Stadt anders machen. Berlin: Jovis, 2019

Jonathan Bach: Die Spuren der DDR. Von Ostprodukten bis zu den Resten der Berliner Mauer. Stuttgart: Reclam, 2019

Michel Serres: Der Parasit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2016 (6.Aufl.) Orig. Le parasite, Paris 1980

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