Theater of Good Life

            who is in (ground) control in Wedding? © Susanne Soldan

 
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Die vierte Tour führt von der Bernauer Straße – einer der offiziellen Mauergedenkstätten, die das Traumatische der Erinnerung an den Kalten Krieg hütet – über das “größte städtische Sanierungsgebiet” der alten Bundesrepublik bis zu den Spielwiesen am Mauerpark – und führt uns wieder ins Zentrum der aktuellen Stadtdebatte. Wir begegnen verschiedenen Auffassungen vom “guten Leben” und verschiedenen Strategien, diese umzusetzen.
Eine Zwischenlandung im Space Age schärft unseren Blick auf das Thema der Bodenkontrolle.
 
The fourth tour is leading from the Bernauer Straße – one of the official memorial sites that treasures the traumatic memory of the Cold War – over the “biggest urban redevelopment area” in the “old” Federal Republic to the playgrounds of Mauerpark, and we arrive again at the center of the current city debate. We encounter different understandings of the “good life” and different strategies to implement them.
A stopover in Space Age sharpens our view of the topic of ground control.

 
13. April 2019 | 13 Uhr ———— WORK IN PROGRESS ————–

 

GROUND / CONTROL 1 / STAHLBEWEHRUNG

© Susanne Soldan


 

GROUND / CONTROL 2 / ERINNERUNGEN STEHEN SPALIER

© Susanne Soldan


 

GROUND / UN / CONTROLLABILITY

© Susanne Soldan








 

GROUND/ CONTROL 3 / ERBBAURECHT

Jagna Anderson / foto © Susanne Soldan

Am Rande des Gedenkstätten-Geländes (wo wir mit gesenktem Blick und vorsichtigen Schritten die stahlverstärkten Spuren des Kalten Krieges verfolgen) scheint ein Space-Shuttle von einem anderen Planeten gelandet zu sein: Ein fröhlich-verwegenes Reihenhaus-Ensemble, futuristisches Design für hochindividualisiertes Familienglück mit Kindern, Spielplatz, Fahrrad und ohne Car Port. Einerseits ganz schon POSH, andererseits ach, mit den bunten Kreidezeichnungen auf dem Gehweg, der bereits ansetzenden Patina, und der kompromisslos ausschweifenden Gestaltungsphantasie (muss das eine Aufbruchstimmung gewesen sein!) doch nicht unsympathisch. Ganz schön frech dieser raumgewordene Traum auf dem Traumagelände. Die traumatische Aura des Ortes wurde jedoch erst nach der Fertigstellung der Insel der Wohnseeligen in rostroten Stahl gegossen. Die bodentiefen Fenster waren bereits konzipiert, als vorbeiziehende Busladungen von Touristen und Schulklassen noch nicht in Sichtweite waren.
Wie war es möglich, dass so viel Kreativität, Lust und Formbewußtsein sich mitten in der Stadt mineralisieren konnte? Durch das Ground Control Modell namens Erbbaurecht, das den Baugrund der Spekulation entzieht und seine nachhaltige Bewirtschaftung ermöglicht.
https://www.erbbaurechtsverband.de/erbbaurecht/das-erbbau-prinzip/

Mehr Details zu Baugeschichte/ Material/ Gestaltung: in der Architekturkritik von Michael Kasiske in der Deutschen Bauzeitung, 8/2011
https://www.db-bauzeitung.de/db-themen/db-archiv/die-perfekte-nische/
Mehr Bilder auf der Seite von stadtbildberlin.wordpress.com

 

LEAVE YOUR CAPSULE IF YOU DARE

© Susanne Soldan



 

MY SPACESHIP DOESN’T KNOW WHICH WAY TO GO

©Susanne Soldan

Dieses Raumschiff – die Ernst-Reuter-Schule – landete einst am Rande des Universums, direkt an der Berliner Mauer. Heute gerät die Schule immer wieder wegen negativer Schlagzeilen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Gewalt an der Schule. Antisemitismus an der Schule. Die lokale Mauer ist weg, die neuen Mauern sind deterritorialisiert: Zwischen den Schülern im Wedding verlaufen manchmal die Sperranlagen, die Israel vom Westjordanland trennen.

 

GROUND / CONTROL 4 // SPACECRAFT 2 / ERBBAURECHT / MIETSHÄUSERSYNDIKAT

© Susanne Soldan, Jagna Anderson

Dieses Raumschiff – das ehemalige Diesterweg-Gymnasium – landete einst am Rande des Universums, in unmittelbarer Nachbarschaft des Grenzstreifens. Seit 2012 ist es ein RAUMTRAUM der Initiative ps wedding, die den Abriss des abgespaceten Gebäudes verhindern und in Kooperation mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft degewo kostengünstigen Wohnraum herstellen und ein soziokulturelles Nachbarschaftszentrum gründen will.
Hier die ausführliche Darstellung des Pilotprojektes:
https://pswedding.de
Das GROUND-CONTROL-Konzept von ps wedding sind Erbbaurecht (“im entsprechenden Erbbaurechtsvertrag [mit degewo] wird die soziale und nicht gewinnorientierte Ausrichtung des Vorhabens festgeschrieben und ist somit auch für alle zukünftigen Nutzer*innen bindend”) und Mietshäusersyndikat (laut Wiki: “eine … kooperativ und nicht-kommerziell organisierte Beteiligungsgesellschaft zum gemeinschaftlichen Erwerb von Häusern, die selbstorganisiert in Gemeineigentum überführt werden, um langfristig bezahlbare Wohnungen und Raum für Initiativen zu schaffen”). Zunächst aber scheint das Bezirksamt Mitte die GROUND-CONTROL fest im Griff zu behalten und auf Abriss des Gebäudes zu steuern. Der Schulstandort soll erhalten bleiben.
Das Pilotprojekt ps wedding beklagt eine neue harte Grenzziehung: man sieht sich vom Mitspracherecht ausgesperrt:
“Am 2. Mai wird es eine Veranstaltung des Bezirksamts Mitte zum Grundstück des ehemaligen Diesterweg-Gymnasiums geben. Dort wird vor allem die bezirkliche Schulentwicklungsplanung vorgestellt.
Dabei wird es, nach jahrelanger gemeinsamer Planung zum Grundstück, nur zwei Sprecher geben: Die Stadträte Herr Spallek und Herr Gothe. Alle anderen sind Zaungäste. So sieht Partizipation in Berlin aus.”

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TIME TO LEAVE YOUR CAPSULE IF YOU DARE

© Susanne Soldan


 

GROUND / CONTROL 5 // WOHNEN AM / MAUERPARK // LÄRM

© Susanne Soldan

“Am Anfang ist der Lärm, und der Lärm hört nie auf. Er ist unsere Apperzeption des Chaos, unsere Wahrnehmung der Unordnung, unsere einzige Verbindung zur disparaten Verteilung der Dinge. (…) Der Lärm ist zerstörerisch und schreckenerregend. Aber die Ordnung und die flache Wiederholung sind Nachbarn des Todes.” (Serres 1980/2016, 191, 193)

Wer kontrolliert den LÄRM?
Die Friedvolle Walpurgisnacht im Mauerpark wurde aufgrund von Anwohnerbeschwerden 2019 abgesagt. “Das Fest, das vor 15 Jahren zur Befriedung der Kieze von Anwohnern ins Leben gerufen wurde, wurde nun von der “Anti-Lärm-Anwohner-Initiative” zu Fall gebracht.” ist auf der Seite der Mauerpark.info zu lesen.
Weitere Berichte, z.B. im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wegen-anwohnerbeschwerden-fest-zur-walpurgisnacht-im-mauerpark-abgesagt/24216526.html
und auf rbb24: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2019/04/alexander-puell-interview-walpurgisnacht-mauerpark.html

Wohnen am Mauerpark – So Berlin, ein Neubauprojekt des Investors Groth Gruppe, ist inzwischen fast fertiggestellt. https://www.grothgruppe.de/Projekte/ProjektDetails?id=126
Die Jugendfarm Moritzhof direkt gegenüber fühlte sich bereits in der Bauphase umzingelt und sorgte sich um mögliche Konflikte mit den neuen Nachbarn:
„Gegen Kinderlärm kann man nicht klagen, gegen krähende Hähne, stinkenden Mist und das Hämmern von Schmiedearbeiten schon“ (Quelle: taz, 1.2.2016, Franzis Laugstien, Neue Wohnungen am Mauerpark – Ein Idyll ist bedroht, http://www.taz.de/!5270776/)

Wohnen am Mauerpark – So Berlin will “ein neues, lebenswertes und gemischtes Quartier für Studenten und Senioren, für Paare und Singles” sein.
Die nur über zwei Zufahrtsstellen zugängliche Siedlung, die beinahe wie eine gated community wirkt, besteht laut Investor aus
ca. 122 geförderten Mietwohnungen
ca. 111 Eigentumswohnungen
ca. 227 frei finanzierten Mietwohnungen
ca. 42 seniorenfreundlichen Wohnungen
ca. 193 Studentenapartments
ca. 11 Wohnungen einer Baugruppe

Das Wort “gemischt” ist allerdings sehr willkürlich verwendet. Die Einwohner werden nicht gemischt, sondern nach Alter, Vermögensstand oder Besitzverhältnissen klassifiziert und räumlich voneinander getrennt. Geförderter Wohnungsbau und Studentenappartements sind dem LÄRM der Züge und S-Bahnen ausgesetzt.


 

ALLES IST SCHON (SCHÖN) DA

© Susanne Soldan




 

GROUND / CONTROL 6 // KOMMUNALES VORKAUFSRECHT

Mieter der Gleimstraße 56, direkt gegenüber von SO BERLIN, wehrten – wie es scheint erfolgreich – den Verkauf des Hauses an einen Immobilieninvestor und eine zu erwartende Luxusmodernisierung ab, indem sie den Bezirk überzeugten, vom kommunalen Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen.
Ein kleiner Reader:

https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm1018/gleimstrasse-56-kampfmarmelade-gegen-verdraengung-101813a.htm

https://www.berliner-woche.de/prenzlauer-berg/c-bauen/kaeuferin-der-gleimstrasse-56-legt-widerspruch-gegen-das-vorkaufsrecht-ein_a186602

https://www.berlin.de/ba-pankow/aktuelles/pressemitteilungen/2018/pressemitteilung.737707.php

https://www.prenzlauerberg-nachrichten.de/2019/01/10/gleimstrasse-56-widerspruch-abgelehnt/

http://www.taz.de/!5533503/

 

IN ERMANGELUNG DES STELLAREN RAUMS

Susanne Soldan

    In Ermangelung des stellaren Raumes
    Suchen wir nach schwarzen Löchern im Wedding
    Und sammeln
    ‘Space Oddities’
    Wie Blaubeeren
     
    Runde Ecken
    Und Farbexplosionen
    Denen wir mit Plosionen begegnen
    Leerraum vs. Lehrraum vs. Zwischenraum
    Wir balancieren 
    Und bilanzieren
    Alles ist schon da
    Alles ist schön da
    Oder doch:
    No ‘Ground Control’ im Wedding?

 
 

LITERATURHINWEISE

Bach, Jonathan (2018). Die Spuren der DDR. Von Ostprodukten bis zu den Resten der Berliner Mauer. Reclam, 174-189 “Die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße und die Temporalität des Traumas”

Serres, Michel (2016, 1980). Der Parasit. Suhrkamp.

Holm, Andrej (2006). Die Restrukturierung des Raumes. Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin: Interessen und Machtverhältnisse. Bielefeld: transcript

Braum, Michael, hg. (2003). Berliner Wohnquartiere. Ein führer durch 70 Siedlungen. Dietrich Reimer Verlag Berlin, 198-201: “Vinetaplatz”

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