Theater of Nature

      Auf der Narbe der Gegenwart verschlingen sich mehrere Chronien ineinander.
      Michel Serres, Der Parasit
      // Bild © Susanne Soldan

 

* Die sechste Tour führt von der Stadtgrenze über die Invalidensiedlung, um in den Frohnauer Forst zu gelangen. Hier hat der Wald den nie gebauten nördlichen Teil der Gartenstadt Frohnau zurückerobert. Zwischen den bereits angelegten, z.T. gepflasterten Straßen entwickelt sich seit 100 Jahren die Lücken-Dynamik der Natur.

———- 25.06.2019, 10:00 – 14:00 ———–
 

1938

Die Invalidensiedlung, einst 1748 gegründet, wird aus Berlin-Mitte an die nördliche Stadtgrenze verpflanzt. Sie schließt sich nun der Gartenstadt Frohnau an. Die Kriegsversehrten werden versetzt. Kriegssetzlinge keimen auf.

© Susanne Soldan

 

1898

Ebenezer Howard, ein britischer Stadtplaner und Reformdenker, veröffentlicht das Buch To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform, eine utopische Vision der zukünftigen Stadt, die genossenschaftssozialistisch, naturnah, gesund und friedlich werden sollte. Die neue Garten-Stadt ist die Antwort auf Elend, Ausbeutung und schlechte hygienische Bedingungen in den überbevölkerten Großstädten infolge der industriellen Revolution und des aggressiven Frühkapitalismus. Unter dem Titel der 2. Ausgabe Garden Cities of To-Morrow (1902) wird das Buch als Gründungstext der Gartenstadtbewegung berühmt.

Diagram No.1 in: Howard, Ebenezer, To-morrow.

 

1907

Der Großindustrielle Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck erwirbt einen Teil der Stolper Heide im Waldgürtel nordwestlich von Berlin, um die „Gartenstadt Frohnau“ zu gründen. Aus dem billigen Agrarland wird wertvolles Stadtbauland. In der Zeit von der offiziellen Stadtgründung 1910 bis zum Ersten Weltkrieg entstehen die ersten Straßen und Häuser sowie der Bahnhof Frohnau. Auf einem zeitgenössischen Stadtplan bewirbt die Direktion der Gartenstadt etliche noch nicht verkaufte Parzellen (hellrot unterlegt), während die wenigen intensivroten Flächen (verkauft bzw. unverkäuflich als Eigenbesitz der fürstlichen Stadtverwaltung) langsam bebaut werden.

 

1902

Die Deutsche Gartenstadtgesellschaft wird durch Berliner Lebensreformer, Bohemiens und Künstler im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises und der Neuen Gemeinschaft gegründet.
Die Gartenstadt ist ein Gegenentwurf zur Mietskaserne.

    1. Städtebaulich sollen mit einer weiträumigen und niedrigen Bauweise der Gartenstädte gesunde Wohnungen geschaffen werden, die auch einen Zugang zu eigenem Garten einschließen.
    2. Nach genossenschaftlichem Prinzip gibt es ein Gemeineigentum an Grund und Boden. Der durch die Umwandlung von Ackerland in neugeschaffene Wohnfläche erzielte Wertzuwachs verbleibt in der Gemeinschaft und eine Bodenspekulation wird vermieden. Mieten werden nach dem Kostendeckungsprinzip erhoben und bleiben dauerhaft niedrig. Die Mieter sind zugleich Genossenschaftsmitglieder und erhalten ein von Seiten der Genossenschaft praktisch unkündbares Dauerwohnrecht.
    aus: Wikipedia

 

1912

Gustav Simmons beschreibt Frohnau in seinem Buch Die deutsche Gartenstadt: ihr Wesen und ihre heutigen Typen als “Villenkolonie in Reinkultur”. Digitalisat der Uni Düsseldorf.

    “Kann das Privatkapital Häuser für Mieter und Käufer erbauen, warum sollte nicht das Großkapital eine ganze Stadt zu Wohnzwecken aus einem Guss auf einmal hervorzaubern können?
    Die Rechtsgrundlagen für die Ansiedler in Frohnau beim Bodenerwerb und Hausbau sind natürlich keine genossenschaftlichen, sondern atomistisch-individualistische.”

Die Gartenstadt Frohnau scheint eine “private Gartenstadt” zu sein. Die städtebaulichen Impulse der sozialistisch-genossenschaftlichen Gartenstadtbewegung verbinden sich gleichsam mit der Tradition der fürstlichen Idealstadt der Renaissance, wie Sabionetta eines Vespasiano Gonzaga oder Zamosc eines Jan Zamojski.

    “Den besten Eindruck von Frohnau gewinnt man am ehesten von den Zinnen des Aussichtsturmes aus. Von hier aus sieht man auf jeder Seite die gewundenen, gut gepflasterten Straßen, in die man natürlich vorher die nötigen Leitungen für Wasser, Gas und Elektrizität eingebettet hat, aus der innersten Stadt hinausführen. Das Straßenbild zeigt uns, was das vollendete Frohnau später einmal für ein Gesicht haben soll. Da jeder an der Straße wohnen will, so gibt es in diesen 3000 Morgen Frohnau natürlich sehr viele Straßenkilometer. Alle fertigen Straßen sind mit Laubbäumen bepflanzt, die schon jetzt mit ihren hellgrünen Kronen sich von den ernsten Dunkelgrün der Fichten wie fröhliche Kinder von mürrischen Alten abheben.”

 

1748 / 1938 / 1998

Der preußische König Friedrich der Große gründet 1738 das Invalidenhaus, eine Einrichtung der Kriegsopferfürsorge mit ausgesprochen militärischem Gepräge. 1938 baut Wehrmacht für die Invaliden, die aus dem barocken Invalidenhaus in Berlin-Mitte ausziehen müssen, die neo-barocken Häuser am Rande von Frohnau. Die Straßen und Parzellen der Gartenstadt, die seit 1908 auf ihre Bestimmung gewartet haben, wurden streng, solide, wohlgeordnet und gleichförmig bebaut. Die Häuser tragen Embleme, die an preussische Schlachten des 18. Jahrhunderts erinnern. Die Grundidee der Gartenstadt als gesunden und gemeinschaftsstiftenden Stadtlandschaft wurde durchaus von den Nazis geschätzt.
1998 fand TAZ-Journalistin Iris Krumrei in der “Siedlung mit einem Rest militärischem Flair” “nur noch 38 Kriegsversehrte”. Die Wohnungen werden, wenn es keine kriegsversehrten Bewerber gibt, auch an andere Schwerbehinderte vermietet. https://taz.de/!1311976/

Bilder: Susanne Soldan / Jagna Anderson

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2019

Susanne Soldan

    Die Grenze
    des guten Geschmacks
    erreicht
    erstarrt
    Aug in Aug
    mit den Gärten des Grauens
    und Marienetta

    Das Übertreten der Mauer
    durch Türen
    verlaufen
    wir uns im Historischen
    Fake-Barock
    immerhin Kanonendekor
    Backstein
    und
    Balkontomate
    als Trost
    für die Abwesenheit
    der Gartenstadt
    Garten statt Barock
    stattdessen
    Invalidensiedlung
    – Fahrt endet hier-
    our ticket
    invalid

    Hier können wir nicht wohnen
    aber schauen
    and in the end:
    It‘s just a right
    and you have the choice
    to get off
    anytime that you like

 

1961 / 1962 / 1980

1961 wird die Mauer zwischen Westberlin und DDR direkt vor den Toren der Invalidensiedlung errichtet. Heute steht ein Haus mit weißer Tür an dem ehemaligen Mauerstreifen. 1962 wird Marienetta Jirkowsky in der DDR geboren. 1980 wird Marienetta beim Fluchtversuch an jenem Mauerabschnitt zwischen Hohen Neuendorf und Invalidensiedlung erschossen.

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743 / 1910

743 werden die Gebeine des Lütticher Bischofs Hubertus zur Ehre der Altäre erhoben. Seit dem Mittelalter gilt Hubertus, der einen Teil seines Lebens als Einsiedler in den Wäldern der Ardennen verbrachte, als einer der vierzehn heiligen Nothelfer und speziell als Schutzpatron der Jagd, der Jäger und der Jagdhunde. Der Hubertusweg quert die Invalidensiedlung und führt zum Hubertussee. Der Hubertussee wurde im Jahr 1910 im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel geschaffen. Ursprünglich sollte die Stadtbebauung bis an die Ränder vom Hubertussee reichen.


 

1912 / 2019

    “Eine besondere Zierde Frohnaus sind ferner größere Waldpartien mit besonders alten Fichtebeständen, deren Untergrund man mit frischen Rasen eingesät hat, deren Lichtungen man mit Edeltannen und anderem in solche vornehme Welt hineinpassenden Buschwerk bepflanzt hat. Wenn hier die untergehenden Sonnenstrahlen durch die kahlen Stämme hindurch auf diese grünen Teppichbeete fallen, so kommt sich der Wanderer vor, als ginge er durch die Gefilde der Seligen.”
    Gustav Simmons, Die deutsche Gartenstadt: ihr Wesen und ihre heutigen Typen. Digitalisat der Uni Düsseldorf

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1989 / 2019

An einem der Junitage 2019, die wegen der Extremhitze in den Chroniken des Klimawandels aufgezeichnet werden, verlassen wir die schattigen Gefilde um den Hubertussee und gehen unerschrocken durch die Wüste, die in dem sandigen Bieselheidenboden der Grenzstreifen des Kalten Krieges hinterließ. Seit 30 Jahren arbeitet die Natur daran, den Todesstreifen zurückzuerobern.
Beeindruckende Vorher – Nachher Bilder von diesem Grenzabschnitt sind auf der Seite Chronik der Mauer zu finden http://www.chronik-der-mauer.de/grenze/174957/zwischen-frohnau-und-glienicke-west

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1914 / 1916

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges unterbricht nicht nur die weitere Errichtung der friedlichen Gartenstadt Frohnau, er beeindruckt den Stadtstifter, Fürst von Donnersmarck, dermaßen tief, dass dieser seine Pläne ändert. 1914 gründet er ein Vereinslazarett in jenem hochgelobten S-Bahnhof-Gebäude (“Frohnau hat den schönsten Bahnhof weit und breit in deutschen Landen”, G. Simmons, 1912), das neben dem Casinoturm das Herzstück der Stadt bildet. Eine Besonderheit des Vereinslazaretts Frohnau ist, dass die Pflege von Kriegsversehrten, die neuartige schwere Verwundungen davontrugen und dank antiseptischen Maßnahmen diese auch überlebten, von vornherein mit der medizinischen Erforschung der Verletzungsbilder und der Weiterentwicklung von Therapiemaßnahmen verbunden ist. Die versehrten Soldatenkörper und der Geist des gesellschaftlich-medizinischen Fortschrittes bereiten Hand-in-Hand den 20. Jahrhundert vor.
1916 stiftet Guido Henckel von Donnersmarck vier Millionen Goldmark für die Einrichtung einer weiteren “Kur- und Heilanstalt für die verwundeten und erkrankten Krieger“ und einer „Forschungsstätte für die wissenschaftliche Verarbeitung und therapeutische Verwertung“ der im Ersten Weltkrieg „gesammelten ärztlichen Erfahrungen“. Die laufenden Ausgaben sollen aus der Bewirtschaftung des Frohnauer Forstes geschöpft werden. Obwohl die durch Hyperinflation der 20er Jahre finanziell schwer angeschlagene Stiftung Jahrzehnte lang untätig bleibt, ist somit besiegelt, dass rund ein Drittel der geplanten und bereits mit Straßen und Baumspalieren versehenen Gartenstadt sich zurück in ein Wald verwandeln darf.
Und wie hängt die Entscheidung der Nazi-Regierung, die Invaliden ausgerechnet nach Frohnau zu verlagern, mit der geplanten militärmedizinischen Einrichtung der Donnersmarck-Stiftung zusammen? Ist es ein Zufall, dass sich in diesem ehemaligen Jagdrevier an der nördlichen Stadtgrenze das Echo der Kriege immer wieder bricht?
In 50er und 70er Jahren verkauft die Stiftung den Wald, einen großen Teil davon an das Land Berlin. Heute ist der Forst eine unberührte Referenzfläche. Auf einem Teil des Waldgeländes ist das von der FDST betriebene P.A.N. Zentrum (Post-Akute Neurorehabilitation) angesiedelt, die seit 1949 nicht mehr militärärztliche Ziele verfolgt.
Quellen: Fürst Donnersmarck-Stiftung, Die Leitbildgeschichte https://www.fdst.de/stiftunggesellschaften/leitbildgeschichte/.
Mittendrin, https://mittendrin.fdst.de/frohnauer-forst/

© Susanne Soldan

 

2019 –

Susanne Soldan

It’s a long way to

    wohin auch immer

this time: Go West
begleitet von Hubertus

    und Paul

auf der Flucht
vor Hitze
auf der Jagd
nach Schatten

oder doch Spanferkel und Bier?
you never know

am Ende sind wir Gejagte
kein Entkommen vor der Tigerzecke

gestrandet in der grünen Lunge
stolpernd
über heißen Sand

    hin zu Oasen

voll Echium vulgare
über uns die Geier

    neben uns Natternkopf

und Knäckebrot-Floß
Super Suhle
gesäumt von Seerosen
Idyll
immer nur scheinbar
scheitern wir
an Ideen

der Westen

    videoüberwacht

wir lädierte

    irritierte

Asphaltcowboys

finally Frohnau
we are froh now.

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