*1.3 Space Wound & Wonder Space

        Raumtrauma und Traumraum // Bild © Susanne Soldan

 
Dieser Beitrag ist Fortsetzung der Beiträge *1 Theater of Gentrification und *1.2 Cloud-Cockoo-Land

Der Spaziergang fand am 22. Juli 2019 statt.

 

RAUMTRAUM 1 / MIT WELTBLICK

Wonder Space 1 / With World View

Block 4, 1988-91 / Bild © SusaSo

Der Block 4 zwischen Wilhelmstraße, Zimmerstraße und Kochstraße ist im Rahmen der Internationalen Bauaustellung Berlin 1987 (IBA Berlin) entstanden. Unter dem Motto “Innenstadt als Wohnort” hat der Westberliner Senat das Großprojekt IBA finanziert, das neben Neubau auch modellhafte Altbausanierung einschloß. Die fragmentierte Stadt sollte “behutsam” und “kritisch” rekonstruiert werden. Innovative und ökologische Wohnräume in verschiedenen Preisklassen sollten entstehen. Speziell für Block 4 wurde als Ziel u.a. Entwicklung von lärmarmen Grundrissen an verkehrsreichen Straßen gesetzt, aber auch Berück­sichtigung ökologischer Anforderungen durch umweltfreundliche Baustoffe, Gründächer, Wasser sparende Installationen und getrennte Abfallsammlung. Das Mischen von Wohnen und Gewerbe war ebenso erwünscht, wie das Mischen verschiedener Preissegmente. Die Visionen der IBA waren aufgeräumt, bodenständig, bürgerlich. Gemässigt sozial, solide designt, graugrün mit einem Fünkchen Star-Architektur.

Die Wohnungsgrundrisse im Block 4, entworfen u.a. durch MBM Arquitectes aus Barcelona und einige deutsche Architekturbüros, laden zum Träumen von einem selbstvergnügten Leben ein, das sich (post)modern, individuell und immer wieder neu entwerfen darf. Es gibt viele Möglichkeiten, durch die multifunktionalen Räume horizontal wie vertikal zu zirkulieren und spielerisch nach Lieblingsplätzchen zu suchen. Eine Portion sozialverträgliche Selbstbeschränkung ist ebenso dabei wie ein Hauch fröhliche Weltoffenheit. Aus Küchen und Badezimmerfenstern in der Zimmerstraße schaute man einst auf die Grenze der westlichen Welt. Heute sieht man hier dabei zu, wie eine Weltkugel voll heißer Luft in die Höhe steigt, so weit das Seil es erlaubt.

Diesen Traum kann man mieten, inklusive einer pastellfarbenen Ikea-Katalog-Hyggeligkeit. Als Familien- oder Singleparadies perfekt konfektioniert. An der Mietpreisbremse und am Zweckentfremdungsverbot erfolgreich vorbei. Der Besitzer KGI GmbH arbeitet dabei Hand-in-Hand mit der dänischen Firma “WOONWOON” Berlin Apartments for Professionals. Das Geschäft von “WOONWOON” besteht in Einrichtung, Möblierung, Unterhaltung und Vermarktung von Mietwohnungen sowie in der Durchführung damit in Zusammenhang stehender Dienstleistungen (wie Raum- und Textilreinigung). Mindestmietdauer: 3 Monate. Preise: zwischen 25 – 29 € pro Quadratmeter zzgl. Reinigungsgebühr (je nach Wohnungsgröße, z.B. 80€ pro Monat), Bettwäsche und Handtücher (weitere 80€). Plus Endreinigung (ca. zwischen 200 und 400 €). “Wie Zuhause eben.”

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    Block 4 between Wilhelmstraße, Zimmerstraße and Kochstraße was created as part of the International Building Exhibition Berlin 1987 (IBA Berlin). Under the motto “Inner city as a place to live”, the West Berlin Senate financed the large-scale IBA project, which included both new construction and model renovation of old buildings. The fragmented city was to be “carefully” and “critically” reconstructed. Innovative and ecological living spaces in various price categories were to be created. IBA’s visions were tidy, down-to-earth, bourgeois. Moderately social, solidly designed, grey-green with a touch of star architecture.

    The floor plans of the apartments in Block 4, designed by MBM Arquitectes from Barcelona and several German architectural firms, invite the dream of a self-indulgent, post-modern, individualistic life that can re-design itself again and again. There are many possibilities to circulate horizontally and vertically through the multifunctional rooms and playfully search for favourite places. There is a portion of socially acceptable self-restraint as well as a hint of cheerful cosmopolitanism. From kitchens and bathroom windows in Zimmerstraße, people once looked at the border of the western world. Today you can watch a globe full of hot air rising as far as the rope allows.

    You can rent this dream, including a pastel Ikea catalogue hyggey. Perfectly tailored as a family or singles paradise. Successfully overriding the rental price brake and the ban on misappropriation. The owner KGI GmbH works hand-in-hand with the Danish company “WOONWOON” Berlin Apartments for Professionals. The business of “WOONWOON” consists in furnishing, maintenance and marketing of rented apartments as well as in the execution of related services (such as room and textile cleaning). Minimum rental period: 3 months. Prices: between 25 – 29 € per square meter plus cleaning fee (depending on apartment size, e.g. 80 € per month), bedlinen and towels (further 80 €). Plus final cleaning (approx. between 200 and 400 €). “Just like home.”

 

TRAUMRAUM 2 / IM SCHLAF GELD AUSGEBEN VERDIENEN

Wonder Space 2 / Spend Earn Money in Your Sleep

Charlie Living / Bild © SusaSo

Zimmerstraße, direkt gegenüber: eine 30 Jahre jüngere Wohnwelt entsteht. Ein Vorzeigeprojekt des Investors Trockland Management GmbH. Das Äußere ist diesmal theatralisch geschwungen und von Zigzaglinien durchzogen, zumindest wenn man es vom Sweet Point aus betrachtet. Sonst wirkt das Ensemble doch etwas schwerfällig unter dem Rüschenkleidchen. Die zukünftigen Mieter*innen dürfen zwischen der Konfektionsgröße S, M, L und XL wählen. Die ReihenTownhouses für die XL-Leute sind in einem toten Winkel des Innenhofes eingemauert. Aus den Fenstern blickt man auf eine nicht besonders spannende Hauswand. Trotzdem sind hier monatlich inklusive Nebenkosten etwa 5.000 Euro zu zahlen. Die S-Träger*innen werden in kostbare kleine Schachteln gesteckt. Zusammen mit den Nebenkosten und der Concierge- (“Ein Concierge kümmert sich um die alltäglichen Wünsche”) und Fitnessraum-Gebühr (“Gibt es einen besseren Start in den Tag als durch ein gutes Work-Out?”) kostet hier ein Quadratmeter Raum um die 30€. Die Grundrisse, die sich hinter der bewegten Fassade verstecken sind laut Investor “sehr clever“. Anstatt ausreichend Lebensraum bekommt man immerhin ein “großzügiges Raumgefühl“. Und von dem Raum-Gefühl ganz erfüllt darf man die Schritte zwischen Küche und Esszimmer sparren. Man setzt auf die inneren Werte. Trockland bringt es an den Punkt: “Ankommen, um anzukommen“. Von dem Punkt aus ist keine Bewegung mehr notwendig. Es seit dem, Sie reiten ihr Fitnessgerät (“von Hand gefertigt aus massivem Holz und Leder“) bis ans Ende der Welt.

    Zimmerstraße, directly opposite: 30 years later a new residential world is being created. A showcase project of Investors Trockland Management GmbH. This time the exterior is theatrically curved and crossed by zigzag lines, at least when viewed from Sweet Point. Otherwise, the ensemble seems somewhat clumsy under the ruched dress. The future tenants can choose between the sizes S, M, L and XL. The townhouses for the XL people are walled into a blind spot in the inner courtyard. Practically no view from the windows, nevertheless, about 5,000 euros have to be paid monthly. The S-size people are put into precious small boxes. Together with the additional costs and the concierge (“The concierge will take care of your everyday needs”) and fitness room fee (“What better way to start your day then by a good exercise?”) a square meter of space costs around 30€. According to the investor, the floor plans hidden behind the moving façade are “very clever”. Instead of enough living space you get a “generous spacious feel”. And filled with the feel of spaciousness you are saving the steps between the kitchen and the dining room. You rely on the inner values. Trockland brings it to the point: “A place to call home”. Since you arrived, no more movement is necessary. Unless, you ride your communal fitness equipment (“handmade from made from wood, leather, and metal”) to the end of the world.

 

TRAUMRAUM 3 / SCHLAFENDE KLONE SOLL MAN NICHT WECKEN

Wonder Space 3 / Don’t Wake Up Sleeping Clones
Bildschirmfoto 2019-07-23 / Quelle: Wunderflats
Bildschirmfoto 2019-07-23 / Quelle: Wunderflats
Bildschirmfoto 2019-08-28 / Quelle: Rentberry
Bildschirmfoto 2019-07-23 / Source: Wunderflats

Der / die hypothetische Praktikant*in, die diese atemberaubend professionelle Werbeanzeige verfasst hat, will im Mai eingezogen sein. Als wir am 22. Juli das Gelände besichtigen wollen, wird uns gesagt, dass das Betreten des Areals wegen der Baustelle verboten ist. Wir haben nicht den Eindruck, dass hier bereits seit 2 Monaten jemand wohnen kann. Oder sind vielleicht nicht nur das Praktikum und die Praktikant*in hypothetisch, sondern auch die Wohnung? Wir sind im Traum und wir träumen, dass wir aufwachen und dann träumen wir, dass wir diesmal wirklich aufwachen und dann träumen wir, dass wir diesmal wirklich aufwachen und dann träumen wir, dass wir diesmal wirklich aufwachen …

    The hypothetical intern who wrote this breathtakingly professional advertisement wants to have moved in in May. When we wanted to visit the site on 22 July, we were told that it was forbidden to enter the area because of the construction site. We do not have the impression that someone has been able to live here for 2 months already. Or are perhaps not only the internship and the intern hypothetical, but also the flat? We are in a dream and we dream that we wake up and then we dream that we really wake up this time and then we dream that we really wake up this time and then we dream that we really wake up this time …

 

DREAM HOME MELROSE PLACE

Investorenbarock, Kommandantenstraße © SusaSo

Hier mietet man mit den glänzenden Satin für die Hochglanz-Träume. Auf Zeit. Und warum in Berlin aufwachen, wenn man auch in Melrose Place schlafen könnte? Raum spielt im Traum keine Rolle.


    Here one rents the shining satin for the high-gloss dreams. And why wake up in Berlin when you could also sleep in Melrose Place? Space doesn’t play a role in dreams.

Bildschirmfoto 2019-07-22 / Quelle: Nestoria

 

ZU GUTER LETZT

Last but not Least
Billboard von Dorothea Nold / Foto © SusaSo

Eine Billboard-Aktion der Berliner Künstlerin Dorothea Nold. Hier: Moritzplatz / Prinzessinengärten

    A billboard project by the Berlin artist Dorothea Nold. Here: Moritzplatz / Prinzessinengärten

Mehr / More
https://www.bz-berlin.de/berlin/berliner-kuenstlerin-narrt-immobilien-investoren

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