*3.3 Server City

    Jedes Objekt, jedes Ereignis und jede Ware kann durch algorithmische Information ersetzt werden, die in der Lage ist, dieses Objekt oder jenes Ereignis in eine beliebig austauschbare Existenz zu verwandeln // Franco “Bifo” Berardi, Die Seele bei der Arbeit, 2019
    Bilder © Jagna Anderson

 
Ein Walk am 1. September 2019 // von der Warschauer Brücke bis zum Ostbahnhof
Dieser Beitrag ist die Fortsetzung der Beiträge Theater of Pseudo-Urbanity und *3.2 Through the Looking Glass
 

ZALANDOLANDO

ZALANDOLANDO ist eine Stadt, in der die Geschäfte im Erdgeschoss überflüssig sind. Die ZALANDOLANDO-City, mitten in Berlin und mit dem schönsten Spreeblick, bietet Raum für die Server und einige wenige Nicht-Künstliche Intelligenzen (N_KIs), die die Server hegen und pflegen.

Du brauchst deinen Körper nicht hierher zu schleppen, um reinzugehen und deine Kleider zu kaufen. Wähle deine neuen Kleider ganz bequem von Zuhause aus. Sie werden garantiert genau so aussehen, wie die Kleider von deinen Facebookfreund*innen. Mit etwas Erfahrung und Geschick hast du deine Instagram-Fotos in dem neuen Look bereits geschossen, bevor der Postbote weg ist. Dann kann alles gleich zurück und ab in den Schredder! Auf diese Art und Weise machst du Werbung für Zalando ganz umsonst und musst nichtmal drauf zahlen.

Die emotionalen Bedürfnisse der kohlenstoffbasierten ZALANDOLANDO Mitarbeiter*innen (N_KIs) werden bestens versorgt. Sie dürfen mitfühlend sein, ökologisch fahrradorientiert und in der Mittagspause ein bisschen Sport treiben, um desto zärtlicher die Server bedienen zu können. Hier ist jeder free to bee. Denn vermittels der individuellen Freiheit verwirklicht sich die Freiheit des Kapitals. (Byung-Chul Han, Psychopolitik, 2015)

Screenshot 2019-10-07

 

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN


 

FASHION IST UNSER TÄGLICH BROT UND BUTTER

 

DAS LEBEN IST EINE FRAGE DER STATISTIK

 

DIE SICHERHEIT IST SICHER

DAS GLATTE GLÄNZT

 

DIE ZUKUNFT WARTET WIE EIN GEMACHTES BETT

Bilbord Werbung – Futurium // gesehen am 1. Sept 2019

 

DIE KAPITALANLAGE IST IN DER ZUKUNFT GUT PLATZIERT UND KANN VIRTUELL BESICHTIGT WERDEN


 

ABER VORSICHT! DIE ZUKUNFT IST SCHARFKANTIG

https://www.tagesspiegel.de/berlin/edge-east-side-berlin-bezirk-will-amazon-tower-neu-planen/25128334.html

„Das Hochhaus bringt eine gewaltige Veränderung des Stadtbildes” beklagt das Baukollegium. In der Abteilung für Customer’s General Happiness runzelt man derweil verständnislos die Stirn (falls vorhanden). Wer braucht schon ein Stadtbild, wenn man mit dem Anbieter per One-Click-To-Buy-Button oder gar Alexa-App kommuniziert? Die Kohlenstoffbasierten, die die Buttons und Apps bedienen, sollen in einer wohligen Homöostase aus Glück und Unglück, Befriedigung und Mangelgefühl zuhause bleiben und mindestens einmal pro Tag ihre Bestellpflicht tun. Stadtbildbegutachten bei eitlen Spaziergängen ist dagegen Zeitverschwendung.
 

ZALANDOLANDO 2

Screenshot

Vielleicht wird man die lästigen Kohlenstoffbasierten, die man stets bei Laune und in angenehmer Zimmertemperatur halten muss, bald durch Bots ersetzen können, die mit angemessener Regelmässigkeit den One-Click-to-Buy-Knopf und den Retour-Knopf bedienen. Zur Zeit sind die Server (und das Kapital) noch auf Nicht-Künstliche Intelligenzen angewiesen, um sich zu vermehren. Für die Fortpflanzung sorgen z.B. die Samwer Brüder. Sie haben z.B. in Zalando investiert und vertreiben aktuell die veralteten Künstler*innen-Modelle aus den Uferhallen, um dort eine ähnlich blühende Rocket-Internet-Digitallandschaft wie an der Spree in ZALANDOLANDO einzurichten.

https://coeuretart.com/eigenbedarf-in-den-uferhallen-coeur-et-art-special/

Screenshot

 

PS

19. Nov. 2019
hinter den verschlossenen Fassaden der Zalando-City herrsche eine eigentümliche einseitige “Transparenz”. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung stellt eine “quasi panoptisches System” der digitalen Leistungskontrolle:

    “Die Digitalisierung bietet Arbeitgebern nie gekannte Möglichkeiten der Kontrolle. Ein Beispiel für eine Technik mit hohem Druckpotenzial ist laut einer neuen Untersuchung Zonar – eine Software, die der Online-Versandhändler Zalando seit dreieinhalb Jahren nutzt, um Mitarbeiter zu bewerten. Wie genau diese Technologie funktioniert und wie sie sich auf die Beschäftigten auswirkt, haben Prof. Dr Philipp Staab und Sascha-Christopher Geschke von der Humboldt-Universität zu Berlin in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie untersucht. Ihr Befund: Zonar stehe für ein „sehr umfassendes, quasi panoptisches System der Leistungskontrolle“. Das Betriebsklima leide, der Stress nehme zu, konstatieren die Wissenschaftler auf Basis von Interviews mit Beschäftigten. Es bestünden Zweifel, ob der Datenschutz eingehalten wird. Zudem scheine der Einsatz dieser Software nicht einmal aus betriebswirtschaftlicher Sicht besonders sinnvoll zu sein.”

Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung:
https://www.boeckler.de/14_122791.htm
Eine Zusammenfassung in der SZ:
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zalando-ueberwachung-zonar-1.4688431

 

FUSSNOTEN

Franko “Bifo” Berardi, Die Seele bei der Arbeit. Von der Entfremdung zur Autonomie. Matthes & Seitz Berlin 2019

Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag, 2015

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