*2.2 Roadside Picnic

Eine weitere These besagt, dass die Zone ein Experiment sein kann, in dem die Schatzgräber und Anwohner nicht mehr als weiße Mäuse in einem Irrgarten sind.” [aus: Wikipedia zu Picknick am Wegesrand, ein Roman von A. & B. Strugatsky, 1971]
Bild: Gedenkstätte Günter Litfin © Peer Smets

 
22 – 04 – 2019 / 11.00 – 15.00 /
Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung des Posts Theater of Master Plans

 
Tour *2: Theater der Masterpläne, Kapitel *2.2.: Picknick am Wegesrand

 
“Es wird schon am Anfang des Buches (…) deutlich, dass die Menschheit dem Phänomen des Besuches und der Zone komplett hilflos gegenübersteht. (…) Die in der Zone gefundenen Artefakte und die dort auftretenden Phänomene entziehen sich jedem rationalen Versuch, sie naturwissenschaftlich zu erklären. Trotzdem können einige der in der Zone gefundene Dinge vom Menschen praktisch genutzt werden.”
Aus: Wikipedia zu Picknick am Wegesrand

 
Roadside Picnic, like most science fiction from Eastern Europe, is very much unlike what one would associate with American or British science fiction. It isn’t heavy on action or technology, but is much more a meditation on the sociological implications of advanced technology, in the context of the fascist politics and bureaucratically-stagnant world that existed behind the Iron Curtain. (…)
Certainly the idea of localized areas [Visitation Zones] where objects and events do not follow conventional physics and certain individuals are specialized in navigating the pitfalls and may be more or less physically or mentally transformed by their passages through the unstable regions isn’t unique to Roadside Picnic.” 
From a review by Georges T. Dodds on www.sfsite.com (2000)

 
Die DDR hat’s nie gegeben (…) Als 1990 das fortschrittlichste sozialistische Land mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zusammenbrach, erschienen die von ihm hinterlassenen Artefakte als Schutt, als Trümmer, die plötzlich unzeitgemäß und fehl am Platz waren, als anachronistische Überbleibsel eines gescheiterten Traums von sozialistischer Modernität”
Aus: Jonathan Bach (2017), Die Spuren der DDR. Von Ostprodukten bis zu den Resten der Berliner Mauer, S. 7.

 

GRENZ / ZONEN / REGELWERK

Bilder © Peer Smets
 


 
 

ZEIT / ZONEN / KOMPLEX

Bilder © Peer Smets / Text Jagna Anderson

FAQ 1
Wo liegt das Luxus-Wohnobjekt JOHN PARK von NATULIS LIVING (“KREATION VON AUSSERGEWÖHNLICHEM WOHNRAUM”)?

a) “im pulsierenden Viertel Mitte, neben einem PARK” (laut NATULIS LIVING)
b) “mit Grünblick auf den DenkmalPARK” (laut WUNDERFLATS)
c) am Invalidenfriedhof, einem historischen Friedhof und einer Gedenkstätte zwischen Scharnhorststraße und Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, nördlich des Bundeswirtschaftsministeriums.
d) am Invalidenpark in der Invalidenstraße?

FAQ 2
Wer wohnt in John Park?

a) eine “Community der Bewohner”, “die sich spürbar aus interessanten Unternehmern und Kreativen” strukturiert (laut WUNDERFLATS)
b) Liebhaber der Militärgeschichte?
c) Mauerblümchen?
d) re-konstruierte Lebensformen unbekannten Ursprungs?
e) Besucher, die vieles über die Physiologie des irdischen Lebens wissen, aber den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik am liebsten missachten würden?

 

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Auffällig unter den in den Zonen wirksamen Kräften sind solche, die einen “Effekt der Auferstehung aus den Gräbern” hervorrufen. Menschliche Leichen erheben sich unter ihrem Einfluß und beginnen zu laufen. Es handelt sich nicht um eine Auferstehung Gestorbener, durch welche diese wieder in ihren normalen Lebenszustand zurückversetzt werden, sondern um “ausgestopfte Skelettrekonstruktionen” (…), wobei die neu entstandenen Gewebe nicht mit dem gewöhnlichen lebendigen Gewebe identisch sind. (…) “Trennt man ihnen einen Körperteil ab, so lebt es trotzdem weiter. Separat für sich. Ohne jede physiologische Lösung”.
Aus: Stanislaw Lem, Nachwort zu Picknick am Wegesrand (1975)
 
 

AB/ GRENZ / ZONEN

Bilder © Peer Smets / © Jagna Anderson
 

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MILITÄR / ZONE

Bilder © Peer Smets / open source
 

“Das Invalidenhaus Berlin ist eine der wohl ältesten Einrichtungen einer Art Kriegsopferfürsorge oder Kriegsopferversorgung im deutschsprachigen Raum. (…)
1748 war das Invalidenhaus Berlin, das vor den Toren der Stadt in Richtung Westen lag, fertiggestellt und wurde am 15. November 1748 bezogen. (…) Bei der Wahl des Standorts der barocken dreiflügeligen schlossähnlichen Gebäudeanlage, deren Hauptfront zum später angelegten Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal zeigte, hatte der König [Friedrich II.] auf die Nähe zur Charité Wert gelegt. (…)
Das Berliner Invalidenhaus hatte nach Willen des Königs gleich den anderen Invalidenhäusern ein ausgesprochen militärisches Gepräge. Für die innere Ausgestaltung und Organisation hatte der König die überlieferte Instruction vor den Commendanten des Invalidenhauses vom 31.8.1748 erlassen. (…)
Um 1900 wurde unmittelbar südlich des Invalidenhauses an der Invalidenstraße der Gebäudekomplex der Kaiser-Wilhelm-Akademie (Militärärztliche Akademie) errichtet, der auf die Entwicklung des Invalidenhauses in späteren Jahrzehnten noch erheblichen Einfluss haben sollte.
Mit dem Beginn der Wiederaufrüstung und Wiedererrichtung der Wehrmacht im Dritten Reich trat der militärische Charakter des Invalidenhauses erneut stärker hervor. Am 1. April 1937 wurde das Invalidenhaus der Aufsicht des Reichsarbeitsministeriums entzogen und dem Reichskriegsministerium, später dem Oberkommando der Wehrmacht, unterstellt. Als 1938 die Militärärztliche Akademie erweitert und dazu die Gebäude des Invalidenhauses benutzt wurden, errichtete die Wehrmacht als Ausgleich für die Insassen die Invalidensiedlung in Berlin-Frohnau. (…)
Heute befindet sich in den noch erhaltenen Teilen des Invalidenhauses – der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Akademie – ein Teilbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.”
Aus: wikipedia.org/wiki/Invalidenhaus_Berlin
 


 
“König Friedrich Wilhelm IV. regte 1841 an, die sieben Speziallazarette Berlins zu einem Garnisonslazarett zusammenzulegen. Zwischen 1850 und 1853 begann der Bau des Garnisonslazaretts I auf dem Gelände des Invalidenparks. Ab dem 23. August 1853 war das Lazarett mit 518 Betten in Betrieb. Während der Weimarer Republik übernahm die Sicherheitspolizei das Krankenhaus unter dem Namen „Zentral-Krankenhaus der Polizei Berlin und des Deutschen Reiches“. Ab 1926 befand sich in dem Krankenhaus das erste Laboratorium für systematische Blutalkoholuntersuchungen und -begutachtungen der Welt. Im Staatskrankenhaus der Polizei wurde ab 1931 eine Krankenstation für Gefangene der Polizei eingerichtet. Während der Zeit des Nationalsozialismus war das Krankenhaus nur für Polizisten und deren Angehörige zugänglich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übergab die Verwaltung der Sowjetischen Besatzungszone das Krankenhaus an die neu gegründete Volkspolizei. Nach der Beseitigung der Kriegsschäden wurde das Krankenhaus der Volkspolizei 1960 vom Ministerium des Inneren übernommen. Auch die Mitarbeiter des Ministeriums konnten fortan hier behandelt werden. Das VP-Krankenhaus wurde baulich erweitert, mit einem weiteren Bettenhaus mit 280 Betten ausgestattet. Ab 1975 begann die Kooperation mit der Charité.[2]

Eine der Aufgaben des Krankenhauses, das direkt an der Grenze zu West-Berlin lag, war die Aufnahme von Personen, die bei einem Fluchtversuch aus der DDR im Grenzbereich zu West-Berlin verletzt wurden. Einige der Todesopfer an der Berliner Mauer verstarben hier.

600 Meter weiter in der Scharnhorststraße 36 lag das Regierungskrankenhaus der DDR, das auf Grund der Grenznähe 1976 zum Regierungskrankenhaus Nr. II wurde, nachdem die DDR-Führung ein Regierungskrankenhaus Nr. I in Berlin-Buch für die „allerhöchste“ Führungsebene geschaffen hatte.”
Aus: wikipedia.org/wiki/Bundeswehrkrankenhaus_Berlin
 

“Die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Berlin ist der Hauptsitz des Bundesnachrichtendienstes (BND). Sie befindet sich auf einem rund 260.000 m² großen umzäunten Gelände im Berliner Ortsteil Mitte an der Chausseestraße. Der Gebäudekomplex entstand dort zwischen 2006 und 2018 nach Plänen der Architekten Kleihues + Kleihues und wurde im Folgejahr eröffnet. (…)
Ursprünglich war das Gelände am Rande des sogenannten Feuerlandes. Auf dem Areal wurde 1820 ein Exerzierplatz angelegt. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Kaserne des Garde-Füsilier-Regiments, genannt Maikäferkaserne. Hans Leip, der 1915 dort stationiert war, dichtete in der Wachstube den Text des bekannten Soldatenliedes Lili Marleen. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzte die Berliner Polizei die Kaserne sowie den Exerzierplatz und errichtete hier 1929 das Polizeistadion. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kasernengebäude weitgehend zerstört. Aus Anlass der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten ließ die Deutsche Demokratische Republik auf dem Areal aus Trümmerschutt das Walter-Ulbricht-Stadion anlegen, das 1973 in Stadion der Weltjugend umbenannt wurde. Nach seinem Abriss ab 1992 sollten dort Bauten für die Olympischen Spiele 2000 entstehen, für die sich Berlin beworben hatte. Nach dem Scheitern der Olympiabewerbung diente das freie Gelände bis 2006 verschiedenen sportlichen Zwischennutzungen.
(…)
Anfang Juli 2011 veröffentlichte das Magazin Focus einen Bericht, wonach über ein Jahr zuvor Baupläne für die neue BND-Zentrale in Berlin gestohlen worden seien. Diese Pläne sollten laut Medienberichten Darstellungen des Technik- und Logistikzentrums offenbaren, wie Notausgänge, Schleusen, Alarmanlagen, Türen- und Deckendicke, Kabelschächte sowie Antiterror-Einrichtungen. Daraufhin wurde eine Kommission eingerichtet, die den Vorfall untersuchte.”
Aus: wikipedia.org/wiki/Zentrale_des_Bundesnachrichtendienstes
 
 

CUBIC / ZONE // DIE WOHNMASCHINE

Bilder © Peer Smets / © Jagna Anderson

 

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Die ehemaligen Bahngrundstücke westlich des Spandauer Schifffahrtskanals wurden 2001 vom Bund in die Vivico Real Estate GmbH eingebracht. 2011 wurde Vivico an die österreichische Immobiliengesellschaft CA Immo verkauft und damit landeten die Grundstücke endgültig auf dem Markt.
Zu Beginn der Europacity-Planung war geförderter Wohnungsbau noch kein Thema. Das seit 2014 geltende „Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung“, das mindestens 25 Prozent geförderten Wohnungsbau bei Wohnungsbauprojekten vorschreibt, kam für die Grundstücke der CA Immo in der Europacity zu spät. Das Ergebnis? Ein Zwischenergebnis wurde in einem früheren Blog-Eintrag festgehalten.

Weitere Hintergrundinformationen:
Jan Friedrich, in BAUWELT 12.2016
 
 

HEART / RATE / ZONE // DIE WUNSCHMASCHINE

ein Gespräch mit Peer Smets* und Esmeralda Detmers** (Protokoll: Jagna Anderson)

 
Das Herz der “Zone” in Strugatzkis Roman ist die “goldene Kugel”, der die Eigenschaft nachgesagt wird, alle Wünsche zu erfüllen. Im Film Stalker, von Andrei Tarkowski (1979), der lose auf den Motiven des Buches basiert, nimmt die Wunschmaschine die Form eines Zimmers an. Wir haben das Wunschzimmer auf dem verlassen wirkenden Gelände von Europacity nicht gefunden. Nur einige Artefakte, die uns ratlos ließen.

Wir haben aber in unserem Gespräch Raum für Träume und Wünsche gefunden, die – wie Fugengrün – in den Spalten der aalglatten Investorenprosa und im Zuckerguss der offiziellen Statements (zur Erinnerung, z.B. hier), keimen und leise ihre Zersetzungsarbeit beginnen.

UNSERE FRAGE:
Ist es möglich, dass inmitten des kommerzialisierten Wohnraums, zwischen “kalten Betten”, “temporärem Wohnen” und “Geldanlage” eine Nachbarschaft entsteht, die Commoning praktiziert, sich als zivile Gesellschaft formiert und wirkliches Leben in die Zone bringt?

EINIGE ANTWORTEN:
Sicherlich nicht von selbst. Die Strukturen – sowohl die baulichen Formen als auch die bereitgestellte Infrastruktur (e-commerce, Concierge & co.) – wirken dem eher entgegen. Sie verhindern, anstatt zu fördern, dass Menschen sich treffen und ins Gespräch kommen.
Aber die Strukturen selbst – z.B. die Gestaltung der Eingangsbereiche von Häusern so, dass sie zum Verweilen einladen und zu spontanen Treffpunkten werden – sind noch nicht alles. Es bedarf darüber hinaus konkreter Angebote, die auch vermittelt und moderiert werden müssen.

Wie könnte man solche Begegnungen moderieren, die oft durch kulturelle bzw. soziale Unterschiede zwischen den Bewohner*innen erschwert sind?

– Ein STARTER KIT für alle neuen Bewohner*innen, das sie in der neuen Umgebung willkommen heißt und zu Begegnungen ermutigt, vielleicht einfach nur eine Blume? (Peer)

– Commons – for example a common tool space (Peer)

– (künstlerische) Aktionen, z.B. eine TRAUMSAMENBANK, in der man Pflanzensamen für UrbanFarming gegen die Schilderung eines Wunschtraums für das neue Stadtviertel bekommt (Esmeralda)

– Präsenz geförderter Produktionsorte der freien Kunstszene (Probenräume, Ateliers, Werkstätten), so dass das kulturelle Angebot, anders als in den bisherigen Plänen, nicht nur als Konsumgut für Touristen und Bildungsbürger (Kunstmuseum, Galerie) gegeben ist, sondern auch zur Interaktion und Beteiligung einlädt (Jagna)

– Das geförderte Wohnen darf nicht in eine “Zone” am Rand der Bebauung abgeschoben werden und/oder sich visuell deutlich vom “Luxuswohnen” absetzen. Das Wohnen in sichtbar “billigeren” Häusern, die am Rande der sichtbar “besseren” Bebauung stehen, führt zu Ausgrenzung und Stigmatisierung. Die vielbeschworene “Mischung” ist erst dann wirksam umgesetzt, wenn sie als eine räumliche Durchmischung ohne allzu offensichtliche Statusunterschiede erfolgt (Peer)

* Peer Smets is Assistant Professor at the Department of Sociology, Vrije Universiteit, Amsterdam, The Netherlands. He has published on urban segregation, housing, housing finance, government bureaucracy, communities, belonging, and social life in neighborhoods.

** Esmeralda Detmers is a Dutch theater maker, actress and teacher. As a theatermaker she makes theatre projects mostly on location and with different art disciplines, like dance, voice, music, visual and audio art.

 

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