Theater of Master Plans

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Die zweite Tour führt von der Ida-von-Arnim-Str., wo ein lange vergessenes Mauerrelikt auf das enorme BND-Gebäude (Masterplan Nr. 1) blickt, entlang des Spandauer Schifffahrtskanals, wo gerade die Europacity (Masterplan Nr. 2) gebaut wird. Politik und Investoren feiern die Entstehung dieses neuen Stadtquartiers als ein “Zukunftsgebiet”, das Urbanität, Innovation, Nachhaltigkeit und Lebensqualität verspricht. Wir machen uns vor Ort ein eigenes Bild von diesem Projekt.

The second tour leads from Ida-von-Arnim-Str., where a long-forgotten wall relic looks out on the enormous BND building (Masterplan No. 1), along the Spandauer Schifffahrtskanal, where the Europacity (Masterplan Nr. 2) is built. Politicians and investors celebrate the emergence of this new urban quarter as a future area that promises urbanity, innovation, sustainability and quality of life. We will get our own picture of this project on site.

22-02-2019

BND-Zentrale
Die ausführliche Darstellung und Dokumentation des Architekturwettbewerbs auf der Seite des Berliner Senats:
https://www.bbr.bund.de/BBR/DE/Bauprojekte/Berlin/Sicherheit/BND/bnd_node.html
Die Jury lobte:
“die präzise Integration einer Großform in den weiteren Stadtkörper, wie auch im Detail die feinfühlige Reaktion auf die baulichen Gegebenheiten der nächsten Umgebung.”

Die nächste Umgebung wirkt unfertig und muss offenbar auf den düsteren Bau reagieren

Susanne Soldan


(c) Susanne Soldan / Jagna Anderson


(c) Susanne Soldan

Das wiedergefundene Stück Mauer wurde unter Denkmalschutz gestellt
https://www.berlin.de/landesdenkmalamt/aktuelles/kurzmeldungen/2018/mauerrest-an-der-ida-von-arnim-strasse-unter-denkmalschutz-729877.php
https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-mitte-vergessenes-stueck-der-berliner-mauer-wiederentdeckt/22908026.html

Zur Zeit wirkt es aber eher bedrängt zwischen Neubauten und schwerem Gerät

(c) Susanne Soldan

Mauern und Zäune:

Eingemauert #1: Wachturm in der Kieler Straße/ Gedenkstätte Günter Litvin

(c) Susanne Soldan

Eingemauert #2: Hamburger Bahnhof

Objets trouves (1-3 Jagna Anderson & 4-6 Susanne Soldan):

Das große Bauprojekt, das den Hamburger Bahnhof verschluckt hat, heißt Europacity.
Europacity wird vom Berliner Senat mit Stolz als “Nachhaltiges Quartier am Hauptbahnhof” und ein “Zukunftsgebiet” präsentiert:
https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtplanerische_konzepte/heidestrasse/

“Die Erarbeitung eines strategischen Masterplans ist für Berlin ein neuartiges, beispielgebendes Vorgehen, das in enger Kooperation von Grundstückseigentümern, Projektentwicklern, Planern und Behörden über die Ziele der Quartiersentwicklung erarbeitet wurde. Nutzungsvielfalt wird hier großgeschrieben: Der hochwertige Raum soll unter Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte Flächen zum Wohnen, für Büros, Einzelhandel und Gewerbe zur Verfügung stellen und gleichzeitig ein attraktives Freizeitangebot bereitstellen.
Mit der Entscheidung des Landes Berlin zum Masterplan Heidestraße ist ein Orientierungsrahmen für die Erstellung der Bauleitplanung und alle erforderlichen Abwägungsprozesse gesetzt worden. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, dass hier ein kompaktes, nachhaltiges und klimagerechtes “Quartier der Zukunft” entsteht.”

http://europacity-berlin.de
Man freut sich über die entstehenden “rund 3.000 Wohnungen” verbunden mit den “gewachsenen angrenzenden Wohnkiezen”.
“Aus der Brache formt sich ein Stück Stadt und aus Ödnis wird Urbanität.”
Der regierende Bürgermeister Michael Müller erklärt in einem Interview: “Die Mischung entsteht vor allem dadurch, dass der Lebensraum für alle Berline­rinnen und Berliner attraktiv ist und nicht nur für die eine oder andere Gruppe. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, dass für alle Angebote bestehen. ”
Laut der Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Kathrin Lompscher, profitieren auch “die Bewohner der umgebenden Quartiere” von der Entwicklung der Europacity.

Im Vorfeld des Spaziergangs am 22. Feb. 2019 wurden stichprobenartig die Mietpreise sowohl in der Europacity als auch auf der anderen Kanalseite überprüft. Das Ergebnis bestätigt leider nicht, dass “Angebote für alle bestehen”. Der Eindruck ist ganz klar: es handelt sich um Wohnungen im Luxussegment. Zur Zeit werden vor allem möblierte Wohnungen auf Zeit angeboten. Preise über 25€/qm sind keine Seltenheit. Bei den wenigen Mietwohnungen liegt das Preisniveau mit ca. 15-17€/qm ebenfalls über dem Berliner Mietspiegel (abgefragt in Februar 2019).

einige Beispiele:
Scharnhorststr., “Hofgarten zur Mitte”, 70qm/ 1300 kalt, 1900 warm, möbliert,
Anbieter AB Real Estte GmbH (gesehen am 21. Feb. 2019 bei salzundbrot)

Scharnhorststr., John Park, möbliert, temporär, maximale Mietdauer 24 Monate
57qm für 1500€ (gesehen am 21. Feb. 2019 bei wunderflats)
http://www.natulis-living.de/John-Park,9,9.html

Designer Condo im Kunstcampus,
68qm/ 2490€ im Monat, 2 Zi
gefunden 21 feb 2019 bei wunderflats.com

Wohnung “Am Hamburger Bahnhof”
67qm für 1900€ im Monat (gesehen am 21. Feb. 2019 bei spotahome)

121qm im Kunstcampus für 3440€ pro Monat (21. Feb., bei wunderflats.com)

Zum Thema “möbliertes Wohnen auf Zeit” auf der Seite des Berliner Mietervereins:
https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0117/moebliertes-wohnen-mietrecht-geschichte-inventar-moderne-nomaden-011726.htm

Und ganz aktuell im Tagesspiegel:
https://interaktiv.tagesspiegel.de/wem-gehoert-berlin/artikel/moebel-statt-mietpreisbremse/

Zwischenergebnisse:
#1
Auf dem durch Finanzialisierung verflüssigten Boden entsteht “strömender” Wohnraum, der auf die Fluktuationen der Macht- und Finanzströme reagiert. Die Bewohner sind ebenfalls an diese Ströme angeschlossen und “vertikal” and ihre “command & control” Zentralen gebunden, während die “horizontale” Vernetzung “vor Ort” und Bildung einer lokalen “Community” eher nicht zu erwarten ist.
#2
Die Berliner Mischung wird als Beschwörungsformel heruntergebetet im Sinne “alles wird jut, die Mischung ist da”. Dabei hat sich sowohl das Arbeiten als auch das Wohnen seit den Zeiten der Mietskaserne mit Gewerbehof weiterentwickelt. Die Kombination von Großraumbüros (manchmal “ökologisch” mit Birkenstämmen aufgehübscht) und temporären, steril und langweilig möblierten (“skandinavisches Design und ein bisschen Bauhaus”) Mikroapartements mag eine Lösung sein, die vor allem für die Anbieterseite gerade passend weil ertragreich ist. Ist sie aber auch von der Nutzerseite her gesehen optimal?
#3
Zeitgenössische Kunst wird als Feigenblatt benutzt. Ja, als werbewirksamer Standortvorteil für die Investoren. Und die Kunst wehrt sich nicht. Noch einmal wird hier klar, dass der kritische Anspruch der Contemporary Art die Realitätsprüfung nicht besteht.
#4
In den 1990er Jahren wurde in Berlin der Versuch unternommen, Lokalität zu produzieren, indem man Berlin als “europäische Stadt” in “preussischen Stil” erfand. Dieser Versuch, hegemonial-westlich, konservativ, die Ost-Erfahrungen ausschließend, ist nicht sehr überzeugend ausgefallen. An die damalige Rhetorik der “Lokalität” knüpft auch die Senats-Beschreibung des Projekts Europacity an: man spricht über “lebendiges Stadtquartier”, “Berliner Mischung”, “Vielfalt und Durchmischung”, “Nachhaltigkeit”, “niedrige Traufhöhe”. Diese Begriffe vermögen aber ebensowenig wie die langweilig-schicken Rasterfassaden aus hellem Stein(Imitat) und Glas, die “Stadt der Ströme” zu erfassen.

 

Literaturhinweise

Avanessian, A./ Malik, S. (hg.) (2016). Der Zeitkomplex Postcontemporary. Berlin: Merve

De Landa, M. (2000). A Thousand Years of Nonlinear History. New York: Swerve

Castells, M. (1989). The Informational City. Information Technology, Economic Restructuring, and
the Urban-Regional Process. Oxford, GB, Cambridge,MA: Basil Blackwell.

Castells, Manuel (1996). The Rise of the Network Society, The Information Age: Economy, Society and Culture, Vol. I. Cambridge, MA; Oxford, UK: Blackwell

Forrest, R./Yee Koh, S./Wissing B. (2018). Hypergespaltene Städte und die ‘unmoralischen’ Superreichen – Fünf abschließende Fragen. sub/urban Zeitschrift für kritische Stadtforschung, 2018, V. 6 – 2/3, 91-104

Harvey, David (1989). The Condition of Postmodernity: An Inquiry into the Origins of Cultural Change. Oxford, UK: Blackwell Publishers

Molnar, Virag (2010): The Cultural Production of Locality: Reclaiming the ‘European City’ in Post-Wall Berlin. International Journal of Urban and Regional Research, Vol. 34.2, 281-309

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